Brasilien 2016 / 2017
Plus ça change, plus c’est la meme chose !
Ein Land am Scheideweg: Politisch – Wirtschaftlich - Moralisch

ÜBERSICHT
Im Jahr 2016 wird Brasilien einen Wachstumseinbruch um die 4% erleiden, gekoppelt mit einer Inflationsrate um die 8,5%, einem Zinsniveau von ca. 13,75 %, einem Haushaltsdefizit von 170 Mrd BRL das sich mit Zinsen jedoch auf + 650 Mrd BRL addiert, defizitärem Rentenhaushalt, einer Arbeitslosigkeit von etwa 13% und einer Auslastung des Industrieparks von etwa 65% und darunter. Im Jahre 2017 rechnet man mit einem kleinen Aufschwung: vielleicht 0,5 vielleicht 2%. Wo das Wachstum herkommen soll, darüber bestehen unterschiedliche Auffassungen: Agrarsektor, Privatisierungen, ansteigende Rohstoffpreise. Wie auch immer: das Land ist in der größten Rezession seit 1929. Aber 2018 soll es dann wieder brummen. Hofft man.

WACHSTUM 2016/2017
Ist seitens der Binnennachfrage wegen hoher Arbeitslosigkeit nicht zu erwarten. Inflation, damit verbundener Kaufkraftschwund und hohe Verschuldung der Privathaushalte deuten auf Stagnation.
Von der staatlichen Seite Bund, Ländern und Städten sind wegen der hohen Verschuldung, der verringerten Steuereinnahmen, dem Ausgabenstopp kaum Impulse zu erwarten.
Private Investoren, also Firmen, sehen sich mit fallenden Umsätzen, extremen Leerkapazitäten, obwohl international auf bereits höchstem Niveau, weiter steigenden Finanzierungskosten konfrontiert.
Handelsbilanz: kein Unternehmer kann Wechselkursschwankungen von 30% und höher verkraften, soweit eine auf Export gerichtete Strategie geplant ist. Die Tendenz, gemessen am Wert der CDS (Credit Default Swap) deutet klar auf eine weitere Aufwertung des BR-Real, was Exporte abwürgen wird.
Fiskalpolitik: die zu leistenden Zinszahlungen für die Kredite der öffentlichen Haushalte liegen über der Kapazität Brasiliens, Einnahmen zu generieren:+ 10% des BIP. Effektiv wirksame Sparprogramme sind nicht zu erwarten.
Auslandsinvestitionen sind die einzige Hoffnung, Wachstum zu schaffen.

POLITISCHE ENTWICKLUNG 2016 / 18

Szenario A)
Die suspendierte Präsidentin Dilma Rousseff wird im August 2016 von der Anklage entlastet und nimmt die Amtsgeschäfte wieder auf. Dabei belässt sie den von Interimspräsident Temer ernannten Wirtschaftsminister Meirelles und den Zentralbankchef Goldfajn im Amt. Von dieser Konstellation kann man wenig Impulse erwarten, sie ist aber möglich soweit sich Vorteile in der Einstellung von Ermittlungsverfahren für die Abgeordneten und Senatoren ergeben. In diesem Szenario kommt es zu weiterem wirtschaftlichen Abschwung gekoppelt mit einen sprunghaften Abwertung des BR-Real, Ausweitung der Verschuldung der öffentlichen Hand und Verschlechterung des sozialen Friedens.
Szenario B)
Die suspendierte Präsidentin Dilma Rousseff wird im August 2016 definitiv vom Amt enthoben, Interimspräsident Temer hat somit 18 Monate Zeit, effektiv die eine oder andere Reform durchzusetzen und zu privatisieren, was Brasilien, kurzfristig, einen gewissen wirtschaftlichen Aufschwung bescheren wird. Die umzusetzenden Reformmaßnahmen sind leider sehr unpopulär und werden bei der Mehrheit der Brasilianer kaum auf Verständnis stoßen. Dies wird Auswirkungen auf die Wahl Ende 2018 haben. In diesem Szenario wird es im 2. Semester 2017 einen wirtschaftlichen Aufschwung geben gekoppelt mit weiterer Aufwertung des BR-Real. Dadurch generierte Defizite können bei erhöhter Nachfrage von Rohstoffen und Agroprodukten aus Asien jedoch ausgeglichen werden. Nebeneffekt: der Export wird erneut abgewürgt. Die Schuldenkrise der öffentlichen Haushalte bleibt eine der größten Herausforderungen und kann ohne einschneidende Kürzungen nicht gelöst werden; und wird wahrscheinlich auch von dieser Regierung nicht gelöst werden.

OLYMPISCHE SPIELE

Rio de Janeiro hat kurz vor der Olympiade den finanziellen Ausnahmezustand ausgerufen, was nicht mehr und nicht weniger als Bankrott bedeutet. Schnell hat sich die Bundesregierung zur Soforthilfe entschlossen um den U-Bahnbau, daß Gesundheitssystem, die Polizei noch für ein paar Monate, eben bis zum Ende der Spiele halbwegs funktionsfähig zu halten. Nach Nizza, hat man sich nun – gut 20 Tage vor der Olympiade entschlossen, den „Sicherheitsplan nochmal durch zu gehen“.

SPARPLÄNE IM REZESSIVEN UMFELD

Brasilien muß sparen. Dringend. Aus dem Überfluss der letzten Dekaden ist außer für korrupte Politiker und Unternehmer nichts übrig geblieben, neben Schulden, unfertigen Infrastrukturprojekten und bankrotten Unternehmen; wie gewonnen so zerronnen.
Die ersten Maßnahmen der Übergangsregierung bestanden in der Reduzierung um 10 Ministerien, Diäteinerhöhung für die Angestellten der Justiz, Neubesetzung der Positionen in staatlichen Banken, Post, der buchhalterisch bankrotten, m.E. unrettbaren Ölgesellschaft Petrobras und der Zentralbank sowie Genehmigung von 14.000 neuen Stellen im Regierungsapparat. Der Zoll droht mit Streik, sollten die 21% Erhöhung, verteilt auf 4 Jahre, nebst Bonuszahlungen, inklusive für bereits berentete Beamten nicht schnell im Kongress verabschiedet werden.
Interimspräsident Temer (75) ist dabei, die Kräfte zu ordnen um Realpolitik betreiben zu können.
Kurzfristiger Ausweg ist weitere Privatisierung: Flughäfen, die Post, Autobahnen usw. Und die Steuern werden wohl erhöht werden müssen, damit die Löcher gestopft werden können.

DEMOKRATIE IN BRASILIEN - 30 JAHRE NACH DER DIKTATUR
Von mehr als 500 Abgeordneten stimmten nur wenige auf Grund der Verletzung der Gesetze zur Einhaltung des Staatshaushaltes für die Amtsenthebung von Staatspräsidentin Dilma Rouseff. Eigentlicher Grund ist es, die strafrechtlichen Verfahren der in unzähligen Korruptionsaffären verwickelten Politiker idealerweise durch Gesetzesänderungen zu eliminieren.
Tituliert als Regierung “alter, weißer Männer” (New York Times), müssen sich bislang 7 Mitglieder der Übergangsregierung wegen Korruptionsvorwürfen verantworten, 3 Minister wurden aus diesem Grunde bereits ausgetauscht. Parteien vor Ort haben kaum ein Programm oder ideologische Grundlage: wichtig ist „mitmischen zu können“, die Fahne wird nach dem Wind gehängt. Insgesamt sind 28 Parteien mit von der Koalitionspartie, da es keine Prozenthürden gibt.
Der neu ernannte Minister für Kontrolle & Transparenz klassifiziert den Kongress als „..Ladentresen ohne ideologische oder parteiliche Identität in dem alle die gleichen Ziele verfolgen, einzig der Mechanismus unterschiedet sich...“. Schwerlich kann man wegen des Volumens von Korruptionsfällen bei der Berichterstattung mithalten: man müsste tägliche Updates machen.
Am Fall im Bereich Informatikdienstleistungen (23.06.16) wird deutlich, wie mit der Öffentlichen Hand Geschäfte gemacht werden können: eine Teilung von 70/30. ..... 30% für den Dienstleister und 70% Schmiergeld.


KONSEQUENZ DER KRISE - POLITISCHER UMBRUCH ?
Der brasilianische Parlamentarismus sichert Senatoren und Abgeordneten besondere Immunität bei Strafermittlungen und rückt eine Lösung der seit 2 Jahren andauernden Krise in weite Ferne. Mit der Verfassung von 1988 hat sich das Land eine am mitteleuropäischen Modell orientierte Sozialstaatsregelung geschaffen, die in jeder Hinsicht über dem Budget real erreichbarer Wirtschaftsleistung steht.


Ausgewählte wirtschaftliche Daten 2016 & Ausblick


Produktivität
Ein brasilianischer Arbeitnehmer schafft im Jahr 2015 25% von dem was sein nordamerikanischer Kollege schafft: US$ 29.583,00.
Mangelhaft geplante, unvollendete, inkompetent und schlecht ausgeführte Infrastrukturprojekte jeder Art hemmen den Gewinn an Produktivität in der Fertigung, Logistik, Entwicklung.
Die Automobilindustrie produziert auf dem Niveau des Jahres 2004, vielleicht 1.8 Millionen Fahrzeuge in diesem Jahr. Die Auslastung des Maschinenparks aller Betriebe beträgt im Durchschnitt 65%.
Exportnation Brasilien
Einziger Exportschlager bleiben Rohstoffe und Agroprodukte; fast alles was industrielle Produktion umfasst ist auf einem international wenig wettbewerbsfähigem Niveau. Die Abhängigkeit von China ist alarmierend.
Industriepolitik
Die aktuelle Krise und der derzeitige katastrophale Niedergang der Industrie (1098 Firmenpleiten in den ersten 6 Monaten dieses Jahres) 100.000 Firmenschließungen letztes Jahr, davon 4.000 Industriebetriebe allein im Bundesstaat São Paulo, dem Wirtschaftsmotor des Landes sind auf eine gescheiterte Industriepolitik zurückzuführen. Protektionismus, Bürokratie, Korruption, Wechselkurskontrolle und Zinsniveau führen zu sehr kurzfristig ausgerichteter Investitionsbereitschaft der Unternehmer, denn das Risiko Verluste zu erleiden ist zu hoch. Wenn sie als Unternehmer Anfang 2016 z.B. mit Wechselkursen von 4.6 zum Euro kalkuliert haben sind sie jetzt – Mitte Juli - auf dem Niveau von 3,4.
Konsumklima
Der Konsum in Brasilien ist 2015 auf das Niveau des Jahres 2010 zurückgegangen, was in etwa dem BIP Argentiniens entspricht.
Von 220 Millionen Brasilianern haben 3 % ein Einkommen von mehr als Euro 5.000,00 im Monat, also rund 6.6 Millionen Personen. Das entspricht etwa der Bevölkerung von Singapur, Libyen oder Laos. 97 % allerdings haben deutlich weniger, bzw. 50% ein 20gstel davon.
Börsennotierte Unternehmen
Von 130 im Bovespa Aktien Index gelisteten Unternehmen sind nach Auswertung eines bekannten deutschen Beratungsunternehmens knapp die Hälfte in einem kritischen und gut ein Viertel in einem sehr kritischen Zustand. Anstelle im rezessiven Umfeld umzustrukturieren, werden Kredite lieber neu verhandelt.
Kriminalität
Besorgniserregend: von den 50 gefährlichsten Städten der Welt befinden sich 21 in Brasilien, Mordrate pro 100T Einwohner zwischen 30 und 60 je nach Region. Jeder Richter bearbeitet im Durchschnitt einen Rückstau von 5.000 (fünftausend) Fällen.

In Bezug auf das Vorgehen gegen Wirtschaftsdelikte, Korruption und Unterschlagung hat das Land mit einer mutigen, dynamischen und demokratisch gesinnten Richterriege zweifelsohne einen neuen, außerordentlich positiven Standard gesetzt.

2017 - Investieren in Brasilien ?
Der Impuls für ein Wachstum von etwa 1% im Jahr 2017 kommt aus dem Ausland, den Privatisierungen, dem Agrarsektor und bei ansteigender Nachfrage aus Asien auch vom Commoditymarkt.
Brasilien bietet trotz des deutlich verschlechterten Umfeldes bessere Chancen und eine stabilere Gesamtsituation als vergleichbare Schwellenländer. Sollten Reformen innerhalb der kommenden 18 Monate durchgesetzt werden und sollte aus der Wahl 2018 eine gemäßigte Koalition die Regierungsgeschäfte übernehmen, besteht eine Chance auf Wachstumsraten von 2.5 -4 % p.a.

Als Investor der Risiken eingehen kann und Zeit mitbringt, sind Sie je nach Komplexität ihres Geschäftes vor Ort Anfang 2017 noch rechtzeitig mit von der Partie. Die Preisvorstellungen vieler Unternehmen in Hinsicht auf eine Übernahme oder Joint-Venture haben sich ebenfalls den Realitäten angepasst und lassen Ihnen mehr Verhandlungsspielraum als vor 3 oder gar 5 Jahren.

Bei den Wahlen Ende 2018 besteht durchaus die Chance, daß die Partei des Ex- Präsidenten Lula gewinnt, der unter der armen Bevölkerung hohes Ansehen genießt. Das ist die Mehrheit der brasilianischen Bevölkerung. Aktuelle Umfragen bestätigen einerseits das 46% der Wähler Lula ablehnen, dieser dennoch mit 22% in den zweiten Wahlgang kommt, wo er sich gegen weitere Kandidaten, außer Marina Silva durchsetzt.


Andreas Maier – Personal & Unternehmensberater für Brasilien
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Der Autor ist Inhaber der Maier & Partner Consultants in Executive Search Ltda.
Seit 1999 mit der Durchführung von Projekten im Bereich Suche und Auswahl von Führungskäften und Spezialisten betraut.
Seit 2001 führen wir Firmengründungen aus und verwalten diese treuänderisch.
Bei Uebenahmen von brasilianischen Unternehmen oder geplanten Joint-Ventures unterstützen wir Sie bei Verhandlungen und Abwägung der Investitionsvorhaben bis zum erfolgreichen Abschluss.


© 2016 Andreas H.K. Maier || www.brasilberater.de

 


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