Brasilien - Etikette für Neuankömmlinge

Erstkontakt, Führung, soziale Normen, Fallbeispiele, Personalauswahl

Andreas H.K. Maier – Personalberater in Brasilien
Maier & Partner Consultants in Executive Search Ltda.

1. In eigener Sache

Über kulturelle Unterschiede zu schreiben ist eine Herausforderung, auch bei einigen Jahren Brasilienerfahrung als Personalberater und selbstständiger Unternehmer. Deshalb, weil Kultur einem stetigen Wandel unterworfen ist, Regeln und Normen insofern nicht statisch sind und kein Land einer gewissen geographischen Ausdehnung eine homogene kulturelle Einheitszone darstellt.

Wenn ich dieses Risiko dennoch auf mich nehme, dann erstens, weil das Land wieder in den Blickpunkt der Investoren gerät. Zweitens, weil andere Autoren sich nach kurzen Aufenthalten mit der Schnellanalyse der lokalen Kultur weniger schwer tun, und gutgemeinte Ratschläge erteilen.

Der Theorie habe ich versucht, durch einige Fallbeispiele Leben zu verleihen. Aus unternehmerischer Sicht keine reinen "Erfolgsstorys". Die können Sie sich an anderer Stelle erzählen lassen. Meine Betrachtung der Dinge erfolgt generell eher vom Risiko ausgehend, blendender Optimismus sagt mir nicht zu. Miteinbezogen habe ich sie deshalb, weil sie Konsequenzen beschreiben, die aus Mißachtung lokaler Regeln erwachsen.


1. Einleitung

Als Geschäftsreisender, Prokurist oder Verhandlungsführer berücksichtigen Sie die lokalen Unterschiede zwischen Saarländern und Sachsen ebenso wie die zwischen Hamburgern und Bayern wahrscheinlich genau. Vor Ort ist es nicht anders und somit erscheint es angebracht, einen ähnlichen Stil einzuschlagen, sich also mit den Grundmustern lokaler Mentalität und Etikette vertraut zu machen.

Das Land ist geprägt durch kontinentale Ausmasse und die einzelnen Bundesstaaten betreffend, von vielen historisch gewachsenen kulturellen Eigenheiten. Brasilien ist bis heute Einwanderungsland. Ende des 18. anfang des 19 Jahrhunderts kamen Italiener, Deutsche, Japaner in der jüngsten Zeit Koreaner, Chinesen. Alle haben ihre Muttersprache mehr oder minder bewahrt und pflegen Traditionen, die in den Ursprungsländern zum Teil bereits vergessen sind. Brasiliens Metropolen, besonders São Paulo sind insofern ein "Melting-Pot" so wie wie es die Städte der USA sind. Landessprache ist Portugiesisch.

In 90 % aller Fälle führt Sie die Geschäftsreise nach oder durch São Paulo, dem Wirtschaftmotor, der Denk- und Kulturfabrik Brasiliens, dann nach Rio, Curitiba, Belo Horizonte oder Manaus, neuerdings auch nach Goias. Meines Erachtens nach jeweils eigene Welten mit eigenen Feinheiten und es kommt, was das Verhandeln betrifft jeweils darauf an, an wen man wo gerät und in welchen Umständen.

Es lassen sich vielleicht einige beachtenswerte Grundsätze beschreiben, deren Kenntnis m.E. zuträglich für die erfolgreiche Verhandlung und letztendlichen Geschäftsabschluß sind, die darüberhinaus einem(r) Entsandten für eine zufriedenstellende private Lebensführung in Brasilien ebenfalls zu Gute kommen.

2. Vor Ankunft

Geschäftsreisen sind keine Gartenspaziergänge. Sie besteht zum einen Teil aus Streß, Zeitdruck, Jet-Leg, zum anderen vielleicht aus verdorbenem Magen und unmöglichen Arbeitszeiten. Es drückt zu weilen auf die Stimmung, wenn man zwischen dem ganzen Reisen, freiwillig oder unfreiwillig nun auch noch Brasilien mitbetreuen muß.

Anspannung sollten Sie sich hier nicht anmerken lassen, denn Sie treffen vor 0rt auf Menschen, die Ihnen gut gelaunt, hoch motiviert, als höfliche Gesprächspartner und Mitarbeiter erscheinen. Unabhängig von Schwierigkeiten, privater, emotioneller, finanzieller, beruflicher, rechtlicher oder gesundheitlicher Art: Brasilianer stellen in der Regel gute Laune zur Schau, sind zum Scherzen aufgelegt. Zusammenfassend betrachtet kann man den Eindruck friedfertiger, toleranter, zügänglicher, lebenslustiger Optimisten gewinnen, die positiv und nach dem dem Prinzip "Laissez-faire" denken und handeln, sich tendentiell eher überschätzen, sich nahezu alles zutrauen.

Brasilien ist ein Land der Gegensätze. Der Lebensraum der Menschen in den Ballungsräumen ist geprägt von einer städtischen Infrastruktur, die nur deshalb noch funktioniert, weil permanent Regeln mißachtet werden und Improvisation an jeder Stelle gefragt ist. Diese Art des modernen Darwinismus ist auch auf andere Bereiche übertragbar: Unternehmensführung, Auslegung des Steuerrechts, Betriebsgenehmigungen. Die Brasilianische Klassengesellschaft unterteilt sich nach Einkommen in A,B (Oberklasse) ,C, D und E (gerade noch Existenzminimum). Gut 170 Millionen Einwohner (nicht Konsumenten) zählt das Land.

Sich auf Kultur, Klima und Sprache einzustellen fällt keinem Aussenstehenden ad hoc leicht. Dennoch lohnt sich Brasilien in betriebswirtschaftlicher, manchmal auch privater Hinsicht, wenn man erkennt, wie die Dinge anzupacken sind. Wichtigster Vorsatz für die Reise ist: Nerven nicht verlieren. Ordnung und Regeln im vermeintlichen Chaos zu verstehen, alles auf sich zu kommen lassen.

3. Erster Verhandlungstag

Die Chancen, das Sie ihr geplantes Programm in Brasilien im anberaumten Zeitrahmen durchführen können, sind als eher schlecht einzuschätzen. Zu viel unvorhersehbares wird eintreten: Verspätungen, Behördenauflagen, mangelnde oder unzureichende Vorbereitung der Gegenseite, Mißverständnisse, Feier- und Brückentage, Gesetzesänderungen per Verordnung, Schließung des Flughafens wegen Schlechtwetterfront.

Bei der Eröffnung der Gespräche wird es vielleicht um vieles gehen, was nur sehr weitläufig mit dem Geschäft an sich zu tun hat. Daran zu glauben, anhand eines objektiv an technischen Fakten und Kalkulationen festgemachten Gesprächssplanes straff durchverhandeln zu können, ist reines Wunschdenken. Mit Verspätung mindestens eines Gesprächsteilnehmers von ca. 30 Minuten, bedingt zum Beispiel durch die Verkehrssituation in São Paulo bei einsetzendem Sturzregen, ist zu rechnen.

Verabredungen, welche Sie in São Paulo, Freitags beispielsweise, von der Nord- in die Südzone gegen 17:00 Uhr führen, sollten Sie eher vermeiden. Sonst verspäten Sie sich selbst und verlieren nur Zeit. Wählen Sie ihr Hotel, ihren Wohnort grundsätzlich so, daß Sie kurze Anfahrtstrecken haben.

Vor dem kaufmännischen Teil möchte man Sie vor allem eher privat kennenlernen. Also als Mensch, später erst als kompetenten Vertreter des Fachs und am Ende als Geschäftsmann/frau. Und man erwartet von Ihnen, daß Sie ihrerseits Interesse daran haben, ihre Gesprächspartner in genau der selben Reihenfolge kennen zu lernen. Schnell kommt man aus dem formellen Umgangston zum informellen "Du" (was im portugiesischen im übrigen leichter zu deklinieren ist). Hierbei kann es um vieles gehen: privates - Familie, Wohnort, Sport: Fußball, Formel 1, die USA.

Mit dem Kopf durch die Wand gehen zu wollen ist sinnlos. Stellen Sie sich darauf ein, den ersten Tag betriebswirtschaftlich "zu opfern", ohne das Sie eingehend und ernsthaft über das Ihnen wesentliche verhandelt haben. Aber: Sie gewinnen Eindrücke, Gefühle. Sie müssen lernen mit diesen zu arbeiten. Ziehen Sie erste Schlüsse und schätzen Sie Ihre Verhandlungspartner ein.

4. Soziale Normen

Wahrscheinlich werden Sie zu Mittag- bzw. Abendessen eingeladen. Später geht es evtl. noch in einen Club. Eventuell erhalten Sie über das Wochenende eine Einladung zum Besuch des Privat- Wochenend- oder Strandhauses. Planen Sie diese Aktivitäten mit ein, soweit es sich hier um Einladungen von Geschäftspartnern oder direkt beteiligten leitenden Angestellten handelt. Informelle Treffen haben in Brasilien keinen Termincharakter ! Wenn Sie um 17:00 Uhr bestellt sind, sollten Sie keinesfalls vor 17:30 bei Ihren Gastgebern erscheinen, besser aber gegen 18:00 Uhr.

Im Falle, daß Sie als Entsandter von Mitarbeitern eingeladen werden, können Sie sich nicht 100% darauf verlassen, daß die Einladung auch umgesetzt wird. Der Satz: "Wir müssen unbedingt am Wochenende etwas unternehmen" ist Teil des Umgangs, der freundlichen Kommunikation, momentan zweifelsohne ernst gemeint, scheitert aber gfs. am Zeitmangel. Das hat persönlich mit Ihnen nichts zu tun. Im Zweifelsfall fragen Sie einfach nach, ob es wirklich klappt – oder lieber auf ein anderes mal verschoben werden sollte.

In diesem Fall, zeigen Sie keine Entäuschung ! Antworten Sie, daß Sie ebenfalls etwas anderes vorhatten. So bringen Sie die Gegenseite nicht in Verlegenheit.

Beachten Sie, daß die "Caipirinha" (Zuckerohrschnaps mit Limone, Zucker auf gestoßenem Eis) als Aperitiv zwar geschmacklich wie Limonade anmutet, durch Klima, den hohen Alkoholgehalt verbunden mit Zucker, abhängig von ihrer Trinkfestigkeit, Körpergröße und Gewicht zügig zu eher unerwünschten Nebenwirkungen führen kann.

Übrigens: Da Sie sich nach den "Caipis" vielleicht ein Taxi nehmen, achten Sie möglichst darauf beim Einstieg und Ausstieg in das Fahrzeug die Tür nicht wuchtig zuzuschlagen, sondern möglichst sanft zu schliessen.

5. Bullenhitze in Nadelstreifen

Manche wohlsituierte, traditionelle und erfolgreiche brasilianische Privatunternehmer (Inhaber bzw. Mehrheitseigner) trifft man zuweilen nur im kurzärmligen Karohemd mit dezent gesticktem Monogramm.

In der Regel jedoch werden ihre Gesprächspartner in São Paulo und Südbrasilien von Montag bis Freitag im Anzug, oder Kombination und Krawatte in klassischem Stil erscheinen. Unabhängig vom Klima und Tageszeit. Richtung Norden lockert sich klimatisch bedingt der Kodex etwas.
Am Wochenende wird es sportlich und legerer. Status spielt ein große Rolle und dessen Symbole werden an entsprechend sicheren Örtlichkeiten gerne zur Schau getragen: im Countryclub, auf dem Golfplatz oder kulturellen Veranstaltungen.

Nachdem man sich kennengelernt hat ist die Begrüßung am Folgetag sehr wahrscheinlich neben dem kräftigen Händedruck mit herzhaftem Schulterklopfen verbunden. Generell werden ihnen die brasilianischen Kollegen und Geschäftspartner im wörtlichen Sinne oftmals viel näher stehen als ihre deutschen. Das liegt nicht daran, das Sie so anziehend wirken, die physische Distanz während der Unterhaltung ist geringer und es wird viel mehr kommuniziert. Stellen Sie sich darauf ein.

6. Der Ton macht die Musik

Die Brasilianer sind prinzipiell höfliche, freundliche, hilfsbereite Menschen. Auch wenn sie innerlich überkochen oder vor Sorge vergehen, werden sie es sich nicht anmerken lassen. Um den Erfolg für Sie und ihr Unterfangen sicherzustellen müssen Sie höflich sein und bleiben. Höflich ist weder mit korrekt oder objektiv noch mit angemessen zu verwechseln. Sie sollten es vermeiden die Geduld, die Nerven zu verlieren, auf den Tisch zu schlagen. Sich kurzum unkontrolliert zu verhalten, laut zu werden oder gar zu schreien. Damit sind Sie erledigt. Als Führungsperson, Handlungsbevollmächtigter, Geschäftspartner- oder Freund.

Andererseits bedeutet das Gebot der Höflichkeit keinesfalls, das Brasilianer nicht ebenso (extrem) aggressiv werden können. Sie haben Temperament, vor allem wenn Sie sich persönlich in der Ehre gekränkt fühlen.

7. Orientierung und Position in neuem Umfeld

Der ungewohnte Umgang mit den Mitarbeitern in einem fremden Land, deren spontanes, liebenswertes, symphatisches Auftreten, können die Grenzen zwischen beruflichem und privatem verfliessen lassen. Obwohl das werben um Einverständnis und Freundschaft einen schmeichelhaften emotionalen Anreiz darstellt, darf damit das Firmen- bzw. Verhandlungsziel nicht schleichend untergraben werden und sie müssen bedacht darauf sein, ihre Autorität als Verhandlungsführer zu wahren, sowie zweckmäßigerweise vermeiden, ihre Schwachstellen zu offenbaren. Das bedeutet, daß Sie emotionale, persönlich bezogene Inhalte nicht mit Leistungsfakten vermischen und sich folglich nicht ausnutzen lassen dürfen, sowie und Privat- und Berufsleben eher auseinanderhalten sollten.

Über die tatsächliche Verlässlichkeit, Glaubwürdigkeit, Zuverlässigkeit und Loyalität ihrer Mitarbeiter oder Geschäftspartner können Sie oftmals erst nach Ablauf von Wochen oder Monaten konkret urteilen. Dieses Urteil wird sich - trotz aller Freundschaft - an nachweisbaren Fakten orientieren.

Fallbeispiel 1.

Als Neuankömmling werden Sie mitunter sofort mit der Forderung einer Gehaltserhöhung eines oder mehrerer wichtiger Mitarbeiter konfrontiert. Sie brauchen die Mitarbeiter, können jedoch die Verhältnismäßigkeit der Forderung nicht wirklich einschätzen. Es empfiehlt sich, darüber zu sprechen mit dem Ziel, Zeit zu gewinnen. Konkrete Versprechungen oder Zusagen sollten Sie jedoch nicht tätigen. Vertagen Sie das Thema, bis Sie einen objektiven Einblick erhalten haben. Sagen Sie "Jein". Im übrigen: "Reisende soll man nicht aufhalten".


8. Improvisation, Taktik, Geduld

Brasilianer sind selbstbewußt und geschickt im Verhandeln, sehr gewandt darin, eigene Vorteile intuitiv herauszuarbeiten. Sie können erwarten, mehrmals über gleiche - für sie im Grunde bereits abgeschlossene Sachverhalte erneut verhandeln zu müssen. Zuweilen wird angegeben, daß wichtige Faktoren übersehen wurden, oder kurzfristig Veränderungen eingetreten sind, welche die Wiederaufnahme des Themas notwendig erscheinen lassen. Es geht darum, ihnen Zugeständnisse abzuringen. Es geht um Geld. Beachten Sie, daß die Verhandlung von Konditionen, Rabatten und Skonti Teil des Geschäftes sind.

Stellen Sie sich darauf ein, das rhetorische Chaos ordnen und verwalten zu müssen.
Zeigen Sie sich offen bezüglich Vorschlägen, ändern Sie jedoch deshalb nicht wirklich Ihre Position. Passen Sie ihre Strategie den wechselnden Tatsachen an. Ob ihres Erachtens nach fadenscheinig oder nicht: Mitgehen - Standpunkt vertreten, aussitzen. Im Rahmen ihrer Kalkulation schrittweise auf die Vorschläge eingehen oder zurückfahren, und das tun, was die Gegenseite auch tut: improvisieren, um die Ziele durchzusetzen. Handeln Sie nicht unter Zeitdruck und lassen Sie sich nicht unter Zeitdruck setzen. Besser dreimal vertagen, als einmal - grundsätzlich - falsch entschieden.

Wichtig ist, die Zügel der Verhandlungen bis zum Ende in der Hand zu behalten also die Steuerung, besonders in der Abschlußphase nicht auf Dritte zu delegieren.

Fallbeispiel 2.
Finanzierung Unterlieferant. Für die Fertigung von Komponenten wurde verhandelt, daß ein Kredit zum größten Teil in Form von Maschinen, und Rohmaterialien erteilt wird. Die Rückzahlung erfolgt über sukzessive Abrechnung durch Lieferungen, danach gemäß determiniertem Zeitplan durch normale Rechnungsstellung seitens des Kreditgebers.
Die Maschinen werden importiert, eingerichtet, das Personal wird geschult, die Produktion wird aufgenommen. Jedoch wird der Zeitplan hinsichtlich der vorgesehenen Zahlungen der Rechnungen nicht eingehalten. Argument: Durch den Import wären hohe zusätzliche Kosten entstanden, die aber nicht 100% nachvollziehbar erscheinen.
Eine perfekte Patt-Situation. Einerseits wird der lokale Zulieferer dringend benötigt, andererseits ist die Frage zu lösen, wie und wann man an die Außenstände kommt. Die Lösung wurde durch die teilweise Auslagerung der Fertigung an einen weiteren Lohnfertiger erreicht: die Zahlungsmoral verbessert sich in kurzer Zeit ergeblich
.

9. Partielle Erblindung

Vier Augen sehen mehr als zwei. Auch wenn die Niederlassung oder die Joint-Venture von Anfang bis Ende "Ihr Baby" ist - fordern Sie Hilfe durch die Prüfung der ganzen Angelegenheit durch einen Kollegen ein. Unter Umständen werden bis dahin unbeachtete Aspekte erkannt.

Fallbeispiel 3.
Der erfolgreiche Abschluß einer Joint-Venture wird mit einem Vertrag besiegelt. Darin ist unter anderem geregelt, daß die Produkte und Komponenten in Südamerika vertrieben werden. Gedacht hatte man lediglich an Brasilien. In zähen Nachverhandlungen wurde der geographische Einflußbereich auf das ursprüngliche reduziert.


10. Fangfragen

Mit nahezu 100 % Sicherheit wird man Sie nach ihrem Eindruck vom Gastland fragen. Achtung: hier sind Sie nicht als kritischer Analytiker gefordert, der offensichtliche Probleme und Mängel in 3 Tagen erkannt hat. Äußern Sie sich positiv. Die Brasilianer können sich erlauben, am eigenen Land herumzunörgeln - Sie als frisch angekommener "Gringo" sollten hier in jedem Fall in der Reserve bleiben.
Und noch etwas: manche Brasilianer sprechen fließend Deutsch.

11. Das klare und deutliche "Jein"

Ihrem Wunsch nach konkreter Auskunft wird man selten nachkommen. Kaum wird auf ihre objektive Frage ein klares "Ja" oder ein "Nein" ausgesprochen. Sie müssen damit leben lernen, sich über gewisse Zeiträume mit einem deutlichen "Jein" zufriedenzustellen und dann wieder nachfassen um sich anhand beobachteter Fakten ihr eigenes Urteil über die Sachlage zu bilden um dann zu entscheiden oder erneut zu vertagen und: sich auf Verzögerungen bedingt durch diese kulturelle Eigenheit einzustellen. Eine besondere Prüfung ihrer Geduld hinsichtlich konkreter Aussage, ergibt sich im Zusammenhang mit staatlichen Erlaubnisverfahren und Anträgen. Hier sind Sie zusätzlich auf landeskundige Hilfe angewiesen.

12. Verantwortungsbewußtsein und Religion

Brasilien ist ein katholisches Land, in welchem noch unzählige andere Glaubensrichtungen z.T. afrikanischen Ursprungs anzutreffen sind. Persönliche Verantwortung für Fehler und deren Konsequenzen wird selten übernommen. Die Geschicke werden von Gott gelenkt und oftmals wird im wahrsten Sinne des Wortes Verantwortung "auf den lieben Herrgott" geschoben. Selten werden Sie jemanden treffen, der eine direkte Anschuldigung erhebt. Es gibt immer eine Argument, Gründe für (eigenes) Versagen schicksalhaften Umständen zuzuschreiben. Sie sollten vorsichtig damit sein, Vorwürfe oder gar Anschuldigungen direkt auszusprechen. Abwarten, dann erst handeln um direkte Ursache – Effekt Rückschlüsse zu vermeiden.

13. Arbeitsethik und Führungsstil

Der Führungsstil in den meisten Unternehmen in Brasiliens ist als eher patriarchalisch und direkt zu bezeichnen und durch klare Hierarchieebenen, Weisungsbefugnisse und Kontrolle gekennzeichnet. Der in Nordeuropa verbreitete partizipative Führungsstil ist hier nur ansatzweise praktizierbar. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Von meinem Verständis aus betrachtet besteht ein weiterer Unterschied darin, daß Arbeit an sich keine Pflicht darstellt, sondern damit ein Gefallen erbracht wird.

Bis ins Jahr 1888 war hierzulande die schwere Arbeit den Sklaven überlassen. Wer dennoch einer Tätigkeit nachging, tat dies aus freien Stücken, nicht als "Befehlsempfänger". Aus dem patriarchalischen Stil heraus resultiert eine gegenseitige Verbundenheit aus persönlich erbrachten und erhaltenen Gefallen, die nicht notwendigerweise im Zusammenhang mit objektiver Arbeitsleistung im Sinne des Unternehmenszieles stehen muß.

Der dahinterstehende ethische Grundsatz ist also primär der der Loyalität und nicht der der Leistung. Somit können sich einflußreiche "Seilschaften", Interessengruppen, "Firmen in der Firma" bilden. Zur Entflechtung dieser Strukturen sind einiges diplomatisches Geschick und Mut notwendig. Manchmal hilft die Interne Revision, dann geht es schneller Firmeninteressen durch zu setzen. In jedem Falle werden Sie gut daran tun, sich in wichtigen Angelegenheiten selbst um die Ausführung zu kümmern, bzw. konstant deren Umsetzung zu überprüfen.

14. Kandidatenauswahl und Interviewvorbereitung

Brasilianische Manager(innen) sprechen, soweit sie aus einem multinationalen Unternehmen kommen, gutes verhandlungssicheres Englisch, oftmals noch eine weitere Fremdsprache. Anders verhält es sich mit Ingenieuren, Technikern, dem mittleren Management, Arbeitern und Angestellten, sowie vielen älteren Jahrgängen. Hier kommen Sie nur mit Portugiesisch, bzw. evtl auch Spanisch weiter.

Bedingt durch die Historie der wirtschaftlichen Situation Brasiliens kommt es bei älteren Jahrgängen öfters vor, daß häufige berufliche Wechsel, Leerzeiten oder Selbstständigkeit auftreten. Diese Bewerbungen verdienen dennoch Beachtung und sollten nicht von vorn herein aussortiert werden.

Der Standort kann die Auswahl stark beeinflussen. In São Paulo und anderen Ballungsgebieten werden Sie mit großer Wahrscheinlichkeit geeignete und qualifizierte Fach- und Führungskräfte ihrer Wahl finden. Diese haben jedoch ihren Preis. An anderen Standorten, insbesondere weiter ab von den Metropolen können erhebliche Probleme auftreten, da einfach keine wirklich gut geeigneten Kandidaten anzutreffen sind. Eine Versetzung ist hier oftmals die einzige, wenn auch nicht ideale Lösung.

In der Regel werden Sie dem Kandidaten einige Minuten Zeit geben, sich zu akklimatisieren. Unter Umständen steckte er gerade 2 Stunden im Verkehrsstau. Ein Glas Wasser, ein Kaffee schafft die Grundlage für ein konstruktives Gesprächsklima. Planen Sie für die Interviews ausreichende Zeit ein und vermeiden Sie beim ersten Interview unbedingt, daß Kandidaten sich treffen. In manchen Branchen ist die Welt wirklich sehr klein. Wenn möglich, führen Sie die Interviews zu zweit um Eindrücke und Beobachtungen später besprechen zu können.

Haben Sie eine Erstauswahl getroffen, beraumen Sie ein weiteres, separates Interview mit zwei oder drei Kandidaten an. Hier gehen Sie in spezifische Details und besprechen bei Eignung die Vergütungsfrage, Neben- und Zusatzleistungen.

Letztendlich sollten Sie ihren Endkandidaten zur abschliessenden Urteilsbildung außerhalb des Geschäftsraumes oder Hotels zum Mittag- oder Abendessen in zwangloserer Umgebung gfs. gemeinsam mit der Ehefrau einladen. Hier können Sie möglicherweise wichtige, bislang unbeobachtete Verhaltensweisen erkennen. Damit ist der Teil der fachlichen und persönlichen Beurteilung abgeschlossen.

Bei Positionen mit Prokura oder im Controlling ist im Anschluß eine Referenzerhebung angebracht.

 


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